Alissa Walser
Von der Malerei zum Schreiben
Rhein-Main. Sie trägt einen berühmten Namen. Und wie ihr Vater hat sich auch Alissa Walser einen Namen als Schriftstellerin gemacht. Aber die 48-Jährige, die seit 22 Jahren in Frankfurt lebt, reüssiert ebenso als Malerin. In ihrem Atelier im Nordend arbeitet die Künstlerin derzeit an einem Roman nach einer wahren Begebenheit aus dem 18. Jahrhundert, der im nächsten Jahr erscheinen soll.
Alissa Walsers Atelier liegt versteckt in einem Hinterhof im Frankfurter Nordend. Vor dem Eingang stehen zwei verwitterte Holzstühle und ein in die Jahre gekommener Tisch. "Ich sammle viel vom Sperrmüll", erzählt Martin Walsers 48 Jahre alte Tochter. An den Wänden hängen kleine Ölbilder, Wolkengebilde und andere an Landschaften erinnernde Motive. Alissa Walser liebt es, in Öl zu malen. Sie mischt ihre Farben selber, mag ihre "Substanz", ihre Intensität. Ihre ersten Bilder waren, wie sie sagt, "sehr vom Material geleitet". Sie arbeitete mit Öl und Wachs auf Holz, grundierte selber. Schuf mehrere Schichten, trug auf und wieder ab. "Ich mochte damals die frühen Flamen, Künstler wie Rogier van Weyden und ihre Art von Sinnlichkeit".
Gemalte Geschichten
Gerne schafft Alissa Walser Illusionen und zerstört sie zugleich. Es gab eine Zeit, da entfernte sie sich von der Ölmalerei. Als sie nach ihrem Kunststudium aus den USA zurückkehrte, stieg sie auf Acryl um und malte mit Filzstiften. Obwohl sie "relativ unfigürlich" arbeitete, seien damals "Geschichten" entstanden. Alissa Walser fing an, sie in Worte zu fassen und zu notieren: "Es war der Beginn meines Schreibens". Zu Anfang trennte sie noch Schreiben und Zeichnen aus der Angst heraus, ihre Bilder könnten zur reinen Illustration werden. Erst später fügte sie ihren Erzählungen kleine Zeichnungen bei. "So ein Bild schafft Raum auf einer Seite", sagt Alissa Walser, und den Texten tue dieser Raum gut. "Außerdem h aben die skizzenhaft reduzierten Zeichnungen einen spielerischen Charakter, den ich sehr liebe."
Beziehungen mit bittersüßem Beigeschmack
Alissa Walsers literarisches Terrain wurde die Erzählung. Große Beachtung fanden ihre Erzählsammlungen "Dies ist nicht meine ganze Geschichte" und "Die kleinere Hälfte der Welt". Mit ihrer Kurzprosa kreist die Frankfurter Autorin immer wieder um das Geschlechterverhältnis, um Beziehungen mit bittersüßem Beigeschmack, um ambivalente Begegnungen und Gefühle, um Macht und Ohnmacht, Dominanz, Unterwerfung und die nicht gestillte Sehnsucht nach Glück und Nähe. Vereinzelt provozierte sie heftige Reaktionen. Zum Beispiel mit einer Erzählung, in der ein junges Mädchen sein erstes Mal mit dem Nachbarn erlebt, der zugleich der Geliebte ihrer Mutter ist. Alissa Walser findet die Welt und das, was zwischen Menschen passiert "grandios und grauenhaft zugleich", Sexualität sei "eine Gratwanderung", stets könne sie umschlagen. Genau das wolle sie über ihre Literatur vermitteln. Auch als Übersetzerin aus dem Englischen hat sich die Schriftstellerin einen Namen gemacht. Schon als Jugendliche half sie ihrem Vater Martin Walser bei Übersetzungsarbeiten - es waren vor allem Theaterstücke von Edward Albee - und besserte so ihr Taschengeld auf. Sie mag bis heute "die lange und genaue Auseinandersetzung mit dem Originaltext".
Ein Roman über eine kranke Musikerin und einen Arzt
"Zur Zeit", sagt Alissa Walser, "male und übersetze ich nur wenig, denn ich bin am Schreiben." Mitten im Atelier steht aufgeklappt steht ihr Labtop. Ein zerknitterter, whisky-farbener Clubsessel aus Leder dient ihr als Schreibtischstuhl. Der Roman, ihr erster, soll im nächsten Jahr bei Piper erscheinen. Als Arbeitstitel hat sie "Fluidum" gewählt. "Es ist", erläutert sie, "eine historische Geschichte, und es geht um ein Fluidum, das jemand glaubte, entdeckt zu haben." Anregen ließ sie sich von einer wahren Begebenheit: von der Beziehung zwischen der schwer kranken, erblindeten Sängerin und Komponistin Maria Theresia Paradis und dem viel älteren Arzt Franz Anton Mesmer, der versu cht hatte, die junge Frau zu heilen. Warum sich Alissa Walser für den Stoff aus dem 18. Jahrhundert entschieden hat? "Ich wollte herausfinden, was dazu geführt hat, dass es jetzt so ist, wie es ist."
Putzfrauen, Diven und Taschen
In Frankfurt lebt Alissa Walser gerne - seit 22 Jahren. Die Stadt sei ihr "angenehm". "Schnell", sagt sie, "ist man mit dem Flugzeug in Berlin, im Süden, in Frankreich." In ihrem Nordend-Atelier ruhen in einem großen Schubladencontainer jüngere Bilder der Frankfurter Autorin und Künstlerin. Bilder in Papiergusstechnik, Zeichnungen ihrer Serie "Putzfrauen und Diven" sowie aus ihrer "Taschen-Bilderserie". "Ich finde, Taschen sehen immer irgendwie aus, als ob sie einen angucken", sagt Alissa Walser. Ein wenig würden sie auch an Tiergesichter erinnern. Die Bilder der Taschen hat sie jeweils mit einem weiteren unterlegt, dessen Motiv leicht durch die erste Lage hindurch scheint und das einen Gegenstand zeig t, den Menschen in ihren Taschen mit sich herumtragen. Bei aller Ernsthaftigkeit des Schreibens hat Alissa Walser eine Menge Humor. Sie erzählt, dass sie jedem ihrer Taschenbilder einen Originaltext aus einer Tiersendung zugeordnet hat. "Es gibt in diesen Sendungen so eine gewisse Komik", sagt sie und sucht ein besonders gelungenes Beispiel heraus: "In der zentralasiatischen Steppe sitzt ein kleines Tier vor seiner Höhle und wartet auf einen Geschlechtspartner." Man meint Bernhard Grzimeks knarzende Stimme zu hören, und Alissa Walser muss lachen.
Quelle: Stadt Frankfurt
(Redaktion)
Tags:- Stadt Frankfurt; Alissa Walser ; Malen; Schreiben;
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Bild Nr. 1 © Alissa Walser

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